KOMMENTAR | |
Von Animé-Regisseur und -Zeichner Hayao Miyazaki gibt es ja einige qualitativ hochwertige Animé aus dem Hause Ghibli zu bewundern, die gern als die besten
Animé überhaupt deklariert werden. Da gehört Prinzessin Mononoke ebenso dazu wie
Das wandelnde Schloss oder jüngst das niedliche Ponyo On The Cliff. Für alle Animé-Fans gehört Chihiros Reise ins Zauberland schon allein deshalb zum Pflichtprogramm. Aber auch alle anderen können hier
mal reinschauen—übrigens nicht nur Kinder, obwohl der Zeichentrick doch deutlich auf Kinder zugeschnitten ist.
Zu Beginn des Films lernen wir die zehnjährige Chihiro kennen, die gar nicht davon begeistert ist, mit ihren Eltern umziehen zu müssen. Auf der Fahrt in
die neue Heimat verfährt sich Chihiros Vater allerdings und die dreiköpfige Familie macht Halt vor einem alten Turm. Als sie diesen durchqueren, finden sie
sich in einer ruhigen, seltsam menschenleeren Welt wieder. Als sie kurz darauf in eine ebenso verlassen scheinende kleine Stadt kommen, verwandeln sich
Chihiros Eltern durch ihre Fressgier in fette Schweine und Chihiro muss lernen, dass es für sie keinen Weg mehr aus dieser Welt gibt. Zum Glück trifft
Chihiro auf den Jungen Hakku, der ihr in dieser seltsamen Welt, die nun mit Shinto-Geistern, Naturgöttern und Dämonen bevölkert ist, hilft sich zurecht
zu finden. Um sich nicht
selbst ins Verderben zu stürzen, soll Chihiro von nun an Sen heißen und für die grantige Hexe Yubaba in einem riesigen Badehaus arbeiten. Dort freundet
sich Chihiro schon bald mit dem Putzmädchen Rin an, doch obwohl sie Mut und Stärke beweist, um in dieser eigenartigen Welt bestehen zu können, will sie
natürlich nur eins: ihre Eltern (die als gemästete Schweine irgendwann zu Schinken verarbeitet werden sollen) zu retten und mit ihnen in ihre eigene Welt
zurückzukehren. Dabei ist es von höchster Wichtigkeit, den eigenen Namen nicht zu vergessen—denn wer den vergisst, der kann nie mehr in seine eigene Welt
zurückkehren.
Dem japanischen Zeichentrickfilmstudio Ghibli gelang nicht zuletzt mit Chihiros Reise ins Zauberland der große Durchbruch. Das wundert auch nicht.
Denn der detailreiche herkömmliche Zeichenstil, der in angemessenem Rahmen mit dem Computer nachbearbeitet wurde, reicht allein schon aus, um den Film in
der oberen Liga spielen zu lassen. Dann wäre da der nicht zu vernachlässige Aspekt der fantasievollen Gesaltung, der sich freilich auch optisch
niederschlägt. Das »Zauberland« in das wir zu Beginn nach und nach eingeführt werden—was auf relativ düstere und spannende Weise geschieht—ist
ein Abklatsch des alten Japans gepaart mit Elementen unserer heutigen Welt. Da wären einerseits die altmodischen Gebäude, Kleider und Gebräuche und auf der
anderen Seite ein herrlich seltsamer Zug, Heizkessel oder Filterzigaretten.
Am interessantesten dürfte aber das Charakterdesign sein. Hauptfigur Chihiro stört anfangs zwar noch als ganz schön nerviger Fratz, ordnet sich aber bald
schon mutig und offenherzig in der fremden Welt unter und wird zur kleinen Heldin, die man dann doch bald liebgewinnt. Die Figuren um sie herum sind in
der Regel Fantasiegestalten, Geister und Gottheiten aus der Shinto-Religion, die in ihren Wesenszügen überraschend erwachsen angelegt sind. Da gibt es
aufrecht gehende Frösche im Kimono, gesichtslose, großzügige aber ebenso gierige Geister, faulige Schlammfiguren, einen weißen Drachen, ein sprechendes
Riesenbaby, einen sechsarmigen Alten, der mit lustigen Rußpartikeln am Heizkessel arbeitet, und eine böse Hexe mit guter Zwillingsschwester. Das sind die
Gestalten dieser seltsamen Welt, in der alles so japanisch ist, dass sie dem westlichen Zuschauer nicht immer ganz einfach zugänglich sein dürfte. Der
Ideenreichtum ist aber so enorm, dass auch weniger bewanderte Zuschauer Gefallen an Chihiros Reise ins Zauberland finden können.
Vor allem alle Walt-Disney-Hasser können hier aufatmen. Obwohl Chihiros Reise ins Zauberland auf eine gewisse Weise pädagogisch wertvoll ist, was
den Umweltschutz oder das friedliche Miteinander betrifft, wird hier nicht in Schwarz-Weiß gedacht. Weder die Geister noch die Menschen sind gut oder böse,
sondern vereinen gemäß des Shinto beides in sich und handeln nur nach den Gesetzen der Natur. So hat auch die anfangs als so bösartig dargestellte Hexe
Yubaba ihre guten Seiten und kann Chihiro nur deshalb nicht so einfach in ihre Welt zurückschicken, da Yubaba selbst als Herrscherin den Gesetzen ihrer
eigenen Welt unterliegt.
All das muntere, bunte, seltsame Treiben in der Fantasiewelt kann jedoch nicht verbergen, dass Chihiros Reise ins Zauberland trotzdem ein bisschen
Substanz fehlt. So zielen mindestens die ersten zwei Drittel des Films darauf ab, Chihiros Leben im Badehaus darzustellen. Das erinnert mitunter an Filme
wie Die Geisha, wenn Chihiro—nun unter dem Namen Sen—harte Arbeit verrichten muss, um der Herrin zu gefallen. Doch insgesamt spielen sich im Badehaus
trotz aller fantastischer Elemente nur banale Geschichten ab. Nichts hat für den Fortgang der Geschichte eine sonderliche Bedeutung. Erst als Chihiro eine
wundersame Reise mit dem Zug unternehmen will, meint man, etwas Handlung täte sich nun auf. Denn die Reise ins Sumpfland, wo Yubabas Zwillingsschwester
haust, wird als höchst gefährlich eingestuft. Wie sich herausstellt, ist diese Reise dann aber nur eine Zugfahrt mit anschließendem Kaffeekränzchen und
Strickabend. Hier hätte man sicher mehr herausholen können. Und vor allem auch stimmiger. Das gilt auch für die Geschichte rund um den Jungen Hakku und
seinen verlorenen Namen, der einem spontan und völlig aus der Luft gegriffen wieder einfällt.
Überhaupt wirkt Chihiros Reise ins Zauberland gegen Ende hin so, als hätte man sich nach all dem unnötigen Geschichtenerzählen im Mittelteil wieder
darauf besonnen, dass man ja nur einen Zweistundenfilm und keine ausufernde Serie dreht und man nun schnell zu einem Abschluss kommen müsse. Die Ereignisse,
die kaum welche sind, werden also noch rasch ins letzte Drittel gequetscht, ehe sich Chihiro für immer von der seltsamen Traumwelt abwenden kann. Und als
das kleine Mädchen zuletzt mit ihren Eltern in ihre eigene Welt zurückkehrt, da verlässt man auch als Zuschauer all die seltsamen Kreaturen mit einem
lachenden und einem weinenden Auge. Denn irgendwie hat man sie doch alle liebgewonnen, diese Dämonen und Hexen und Geister.
Chihiros Reise ins Zauberland ist kein schlechtes Animé. Dafür ist es zu gut produziert, zu gut gemalt und zu gut in der Charakterdarstellung. Es
hapert lediglich ein wenig an der Story, die zu lange ohne echtes Ziel auskommt und dann etwas dröge nach einem großartigen Abschluss sucht. Da wurde leider
zu viel Potential der fantastischen Welt verschenkt. Gerade in der ersten Hälfte, als wir zusammen mit Chihiro die fremdartige Welt für uns entdecken, kommt
viel Atmosphäre und durchaus Spannung auf. Die vielen Ideen und (zumindest für den westlichen Zuschauer) eigenartigen Figuren sorgen für gute Unterhaltung.
Wobei noch gesagt sein sollte, dass Chihiros Reise ins Zauberland trotz des »ohne Altersbeschränkung«-Siegels nichts für die ganz
kleinen Zuschauer ist. Die Story ist zwar sehr simpel gehalten, doch das Drumherum ist dann doch zu komplex oder auch mal zu düster für die lieben Kleinen.
Alle etwas größeren (und erwachsenen) Animé-Fans sollten sich Chihiros Reise ins Zauberland unbedingt ansehen. Wer sich nicht für Animé interessiert,
wird vermutlich auch bei Chihiros Reise ins Zauberland nicht ganz auf seine Kosten kommen können, aber einen Versuch wäre es immerhin wert.
© Shaoshi, 10. Januar 2010 |